Kapitel II: Gebrochen-rationale Funktionen

II.1 Einführung: Graphen und ihre Eigenschaften

Gebrochen-rationale Funktionen begegnen uns überall dort, wo ein Ausdruck im Nenner von xx abhängt — etwa beim Ohmgesetz I=URI = \frac{U}{R} oder bei Konzentrationsproblemen.

Die einfachste gebrochen-rationale Funktion ist die Hyperbel: f(x)=1xf(x) = \frac{1}{x}

Die Grundfunktion f(x) = 1/x: zwei Äste, keine Nullstelle, Asymptoten an den Achsen

Auffällig: Der Graph nähert sich den Koordinatenachsen immer mehr an, ohne sie zu berühren — die Achsen sind Asymptoten. An der Stelle x=0x = 0 ist ff nicht definiert — dort liegt eine Polstelle.


II.2 Definition und Definitionsmenge

Gebrochen-rationale Funktion

Eine gebrochen-rationale Funktion hat die Form f(x)=p(x)q(x)f(x) = \frac{p(x)}{q(x)} wobei p(x)p(x) und q(x)q(x) Polynome sind und q(x)0q(x) \not\equiv 0.

Im Rahmen von Klasse 11 haben Zähler und Nenner höchstens Grad 2.

Definitionsmenge

Die Definitionsmenge ergibt sich, indem alle Nullstellen des Nenners ausgeschlossen werden: D=\{xq(x)=0}D = \mathbb{R} \setminus \{x \mid q(x) = 0\}

Beispiel: f(x)=x+1x24=x+1(x2)(x+2)f(x) = \dfrac{x+1}{x^2 - 4} = \dfrac{x+1}{(x-2)(x+2)}

Nullstellen des Nenners: x1=2x_1 = 2, x2=2x_2 = -2

D=\{2,2}D = \mathbb{R} \setminus \{-2,\, 2\}

Nullstellen

Eine Stelle x0Dx_0 \in D mit f(x0)=0f(x_0) = 0 heißt Nullstelle von ff.

Da ein Bruch genau dann null ist, wenn der Zähler null ist (und der Nenner nicht), gilt:

f(x0)=0p(x0)=0 und q(x0)0f(x_0) = 0 \iff p(x_0) = 0 \text{ und } q(x_0) \neq 0

Beispiel: f(x)=x+1x24f(x) = \dfrac{x+1}{x^2-4} hat die Nullstelle x0=1x_0 = -1, denn p(1)=0p(-1) = 0 und q(1)=(1)24=30q(-1) = (-1)^2 - 4 = -3 \neq 0. ✓


II.3 Polstellen und hebbare Definitionslücken

An einer Stelle, an der der Nenner null wird, kann Verschiedenes passieren — je nachdem, ob der Zähler dort auch null wird.

Polstelle

Ist q(x0)=0q(x_0) = 0 und p(x0)0p(x_0) \neq 0, so heißt x0x_0 eine Polstelle von ff.

In der Nähe einer Polstelle wird |f(x)||f(x)| beliebig groß: limxx0|f(x)|=+\lim_{x \to x_0} |f(x)| = +\infty

Die senkrechte Gerade x=x0x = x_0 ist dann eine senkrechte Asymptote.

Hebbare Definitionslücke

Ist q(x0)=0q(x_0) = 0 und p(x0)=0p(x_0) = 0, so liegt möglicherweise eine hebbare Definitionslücke vor. Man kürzt den gemeinsamen Faktor heraus:

f(x)=(xx0)p̃(x)(xx0)q̃(x)=p̃(x)q̃(x)für xx0f(x) = \frac{(x-x_0) \cdot \tilde{p}(x)}{(x-x_0) \cdot \tilde{q}(x)} = \frac{\tilde{p}(x)}{\tilde{q}(x)} \quad \text{für } x \neq x_0

Der Graph hat an der Stelle x0x_0 eine Lücke (offener Punkt), aber keine senkrechte Asymptote.

Beispiel: f(x)=x21x1=(x1)(x+1)x1=x+1(x1)f(x) = \dfrac{x^2 - 1}{x - 1} = \dfrac{(x-1)(x+1)}{x-1} = x + 1 \quad (x \neq 1)

Links: Polstelle bei x = 0 (f(x) = 1/x²) — Rechts: hebbare Lücke bei x = 1 (f(x) = (x²−1)/(x−1))

Polstelle mit und ohne Vorzeichenwechsel

An einer Polstelle x0x_0 entscheidet das Vorzeichen von f(x)f(x) links und rechts von x0x_0, ob der Graph von derselben oder von verschiedenen Seiten gegen ±\pm\infty strebt.

Dazu verwendet man eine Vorzeichentabelle: Man untersucht das Vorzeichen von Zähler und Nenner getrennt in kleinen Umgebungen links und rechts von x0x_0.

Beispiel: f(x)=x+1x2f(x) = \dfrac{x+1}{x-2}, Polstelle x0=2x_0 = 2

x2x \to 2^- x2+x \to 2^+
x+1x + 1 3>03 > 0 3>03 > 0
x2x - 2 <0< 0 >0> 0
f(x)f(x) -\infty ++\infty

Vorzeichenwechsel: der Graph kommt von -\infty und geht nach ++\infty.

Bei f(x)=1x2f(x) = \dfrac{1}{x^2} (Polstelle x0=0x_0 = 0): Nenner x2>0x^2 > 0 auf beiden Seiten → kein Vorzeichenwechsel, Graph strebt von beiden Seiten nach ++\infty.


II.4 Grenzverhalten und waagrechte Asymptoten

Grenzverhalten für x±x \to \pm\infty

Das Verhalten einer gebrochen-rationalen Funktion für x±x \to \pm\infty wird durch den Grad von Zähler (degp=m\deg p = m) und Nenner (degq=n\deg q = n) bestimmt.

Entscheidungsregel:

Beziehung Grenzverhalten Asymptote
m<nm < n limx±f(x)=0\lim_{x \to \pm\infty} f(x) = 0 waagrecht: y=0y = 0
m=nm = n limx±f(x)=ambn\lim_{x \to \pm\infty} f(x) = \dfrac{a_m}{b_n} (Verhältnis der führenden Koeffizienten) waagrecht: y=ambny = \dfrac{a_m}{b_n}
m=n+1m = n + 1 |f(x)||f(x)| \to \infty, lineares Verhalten schräg (s. II.5)
m>n+1m > n + 1 |f(x)||f(x)| \to \infty, polynomiales Verhalten keine Asymptote

Waagrechte Asymptote bestimmen

Eine Gerade y=cy = c heißt waagrechte Asymptote, wenn limx+f(x)=c\lim_{x \to +\infty} f(x) = c oder limxf(x)=c\lim_{x \to -\infty} f(x) = c.

Beispiel 1: f(x)=3xx2+1f(x) = \dfrac{3x}{x^2 + 1}, m=1<n=2m = 1 < n = 2: limx±3xx2+1=limx±3/x1+1/x2=0\lim_{x \to \pm\infty} \frac{3x}{x^2+1} = \lim_{x \to \pm\infty} \frac{3/x}{1 + 1/x^2} = 0 Waagrechte Asymptote: y=0y = 0.

Beispiel 2: f(x)=2x21x2+3f(x) = \dfrac{2x^2 - 1}{x^2 + 3}, m=n=2m = n = 2, führende Koeffizienten 2 und 1: limx±2x21x2+3=21=2\lim_{x \to \pm\infty} \frac{2x^2 - 1}{x^2 + 3} = \frac{2}{1} = 2 Waagrechte Asymptote: y=2y = 2.

Waagrechte Asymptoten: f(x) → 0 (blau) und f(x) → 2 (rot) für x → ±∞

II.5 Schräge Asymptoten und Polynomdivision

Wann entsteht eine schräge Asymptote?

Ist degp=degq+1\deg p = \deg q + 1, so wächst f(x)f(x) für x±x \to \pm\infty unbeschränkt, aber linear. Es gibt dann eine schräge Asymptote der Form y=ax+by = ax + b.

Polynomdivision

Man erhält die schräge Asymptote durch Polynomdivision: p(x)÷q(x)p(x) \div q(x).

Das Ergebnis hat die Form f(x)=ax+bAsymptote+r(x)q(x)0 für x±f(x) = \underbrace{ax + b}_{\text{Asymptote}} + \underbrace{\frac{r(x)}{q(x)}}_{\to\, 0 \text{ für } x \to \pm\infty}

wobei r(x)r(x) der Rest ist (Grad kleiner als Grad von qq).

Beispiel: f(x)=x2+1x=x2x+1x=x+1xf(x) = \dfrac{x^2 + 1}{x} = \dfrac{x^2}{x} + \dfrac{1}{x} = x + \dfrac{1}{x}

Schräge Asymptote: y=xy = x (denn 1x0\dfrac{1}{x} \to 0 für x±x \to \pm\infty).

Komplexeres Beispiel: f(x)=x22x+3x1f(x) = \dfrac{x^2 - 2x + 3}{x - 1}

Polynomdivision: (x22x+3)÷(x1)=x1+2x1(x^2 - 2x + 3) \div (x - 1) = x - 1 + \frac{2}{x-1}

Schräge Asymptote: y=x1y = x - 1.

f(x) = (x²−2x+3)/(x−1) mit schräger Asymptote y = x−1 und Polstelle x = 1

II.6 Vollständige Kurvendiskussion

Die vollständige Analyse einer gebrochen-rationalen Funktion umfasst alle Schritte systematisch. Wir führen sie an einem Beispiel durch:

f(x)=x24x21=(x2)(x+2)(x1)(x+1)f(x) = \frac{x^2 - 4}{x^2 - 1} = \frac{(x-2)(x+2)}{(x-1)(x+1)}

Schritt 1: Definitionsmenge

Nullstellen des Nenners: x=1x = 1 und x=1x = -1

D=\{1,1}D = \mathbb{R} \setminus \{-1,\, 1\}

Schritt 2: Hebbare Lücken prüfen

Keine gemeinsamen Nullstellen von Zähler und Nenner → keine hebbaren Lücken, beide Stellen sind Polstellen.

Schritt 3: Symmetrie

f(x)=(x)24(x)21=x24x21=f(x)f(-x) = \frac{(-x)^2 - 4}{(-x)^2 - 1} = \frac{x^2 - 4}{x^2 - 1} = f(x)

ff ist eine gerade Funktion, der Graph ist achsensymmetrisch zur yy-Achse.

Schritt 4: Nullstellen

f(x)=0x24=0x=±2f(x) = 0 \iff x^2 - 4 = 0 \iff x = \pm 2

Beide Stellen liegen in DD ✓ → Nullstellen bei x1=2x_1 = -2 und x2=2x_2 = 2.

Schritt 5: Polstellen und senkrechte Asymptoten

Polstellen bei x=1x = -1 und x=1x = 1. Vorzeichentabelle für x1±x \to 1^\pm:

x1x \to 1^- x1+x \to 1^+
x24x^2 - 4 3<0-3 < 0 3<0-3 < 0
(x1)(x+1)(x-1)(x+1) (0)(2)<0(0^-)(2) < 0 (0+)(2)>0(0^+)(2) > 0
f(x)f(x) ++\infty -\infty

→ Vorzeichenwechsel bei x=1x = 1 (und analog bei x=1x = -1 wegen Symmetrie).

Schritt 6: Grenzverhalten und waagrechte Asymptote

degp=degq=2\deg p = \deg q = 2, Verhältnis der führenden Koeffizienten: 11=1\dfrac{1}{1} = 1

limx±f(x)=1waagrechte Asymptote: y=1\lim_{x \to \pm\infty} f(x) = 1 \quad \Rightarrow \quad \text{waagrechte Asymptote: } y = 1

Schritt 7: yy-Achsenabschnitt

f(0)=0401=4f(0) = \frac{0 - 4}{0 - 1} = 4

Ergebnis: Graph

f(x) = (x²−4)/(x²−1): zwei Polstellen, zwei Nullstellen, waagrechte Asymptote y = 1

Rückblick: Wichtige Formeln und Vorgehensweisen

Schritt Was tun Wie
Definitionsmenge Nullstellen des Nenners ausschließen q(x)=0q(x) = 0 lösen
Hebbare Lücke Gemeinsamen Faktor kürzen p(x0)=0p(x_0) = 0 und q(x0)=0q(x_0) = 0
Nullstellen Zähler null setzen p(x)=0p(x) = 0, Ergebnis in DD prüfen
Polstellen Nenner null, Zähler 0\neq 0 Vorzeichen links/rechts bestimmen
Waagrechte Asymptote degpdegq\deg p \leq \deg q Grenzwert oder Koeffizientenvergleich
Schräge Asymptote degp=degq+1\deg p = \deg q + 1 Polynomdivision
Symmetrie f(x)f(-x) berechnen gerade: f(x)=f(x)f(-x) = f(x); ungerade: f(x)=f(x)f(-x) = -f(x)