Kapitel I: Spezielle Eigenschaften von Funktionen

I.1 Bekannte Funktionstypen im Überblick

Ganzrationale Funktionen

Eine ganzrationale Funktion (Polynom) hat die Form f(x)=anxn+an1xn1++a1x+a0,an0f(x) = a_n x^n + a_{n-1} x^{n-1} + \cdots + a_1 x + a_0, \quad a_n \neq 0

  • Grad nn: bestimmt das Verhalten für x±x \to \pm\infty und die maximale Anzahl der Nullstellen
  • Definitionsmenge: \mathbb{R}
  • Gerader Grad: beide Enden zeigen in dieselbe Richtung
  • Ungerader Grad: die Enden zeigen in entgegengesetzte Richtungen

Potenzfunktionen x⁰ bis x³ als Grundbausteine ganzrationaler Funktionen

Exponentialfunktionen

f(x)=bax,a>0,a1,b0f(x) = b \cdot a^x, \quad a > 0,\; a \neq 1,\; b \neq 0

  • Definitionsmenge: \mathbb{R}, Wertemenge: (0,)(0, \infty) für b>0b > 0
  • Keine Nullstellen; xx-Achse ist waagrechte Asymptote
  • a>1a > 1: streng monoton steigend; 0<a<10 < a < 1: streng monoton fallend

Spezialfall: natürliche Exponentialfunktion f(x)=exf(x) = e^x mit e2,718e \approx 2{,}718

Logarithmusfunktionen

f(x)=logax,a>0,a1f(x) = \log_a x, \quad a > 0,\; a \neq 1

  • Definitionsmenge: (0,)(0, \infty), Wertemenge: \mathbb{R}
  • Nullstelle bei x=1x = 1; yy-Achse ist senkrechte Asymptote
  • Umkehrfunktion der Exponentialfunktion: alogax=xa^{\log_a x} = x

Spezialfall: natürlicher Logarithmus lnx=logex\ln x = \log_e x

Trigonometrische Funktionen

f(x)=sinx,g(x)=cosxf(x) = \sin x, \quad g(x) = \cos x

  • Definitionsmenge: \mathbb{R}, Wertemenge: [1,1][-1, 1]
  • Periode: 2π2\pi
  • sinx\sin x: punktsymmetrisch zum Ursprung; cosx\cos x: achsensymmetrisch zur yy-Achse
  • Nullstellen von sinx\sin x: x=kπx = k\pi, kk \in \mathbb{Z}
  • Nullstellen von cosx\cos x: x=π2+kπx = \dfrac{\pi}{2} + k\pi, kk \in \mathbb{Z}

Vergleich der Typen

Eigenschaft Ganzrational Exponential Logarithmus Sinus/Kosinus
Definitionsmenge \mathbb{R} \mathbb{R} (0,)(0,\infty) \mathbb{R}
Wertemenge \mathbb{R} (ab Grad 1) (0,)(0,\infty) \mathbb{R} [1,1][-1,1]
Nullstellen möglich keine x=1x=1 x=kπx = k\pi (sin)
Asymptote keine waagrecht senkrecht keine
Periodisch nein nein nein ja

Übersicht bekannter Funktionstypen

I.2 Grenzverhalten

Grenzverhalten für x+x \to +\infty und xx \to -\infty

Das Grenzverhalten beschreibt, was mit f(x)f(x) passiert, wenn xx beliebig groß oder beliebig klein (negativ) wird.

Schreibweisen:

  • limx+f(x)=c\lim_{x \to +\infty} f(x) = c: f(x)f(x) nähert sich dem Wert cc von unten
  • limx+f(x)=+\lim_{x \to +\infty} f(x) = +\infty: f(x)f(x) wächst unbeschränkt
  • limxf(x)=\lim_{x \to -\infty} f(x) = -\infty: f(x)f(x) fällt unbeschränkt

Ganzrationale Funktionen werden vom führenden Term anxna_n x^n bestimmt:

Grad nn an>0a_n > 0 an<0a_n < 0
gerade ++\infty für x±x \to \pm\infty -\infty für x±x \to \pm\infty
ungerade ++\infty für x+x \to +\infty, -\infty für xx \to -\infty -\infty für x+x \to +\infty, ++\infty für xx \to -\infty

Gerade Exponenten (links): beide Enden gleichgerichtet — ungerade Exponenten (rechts): Enden entgegengesetzt

Beispiel: f(x)=2x4+3x21f(x) = -2x^4 + 3x^2 - 1

limx±f(x)=limx±(2x4)=\lim_{x \to \pm\infty} f(x) = \lim_{x \to \pm\infty} (-2x^4) = -\infty

Konvergenz und Divergenz

Eine Funktion konvergiert gegen cc für xx \to \infty, wenn limxf(x)=c\lim_{x \to \infty} f(x) = c mit cc \in \mathbb{R}.

Eine Funktion divergiert, wenn der Grenzwert ±\pm\infty ist oder nicht existiert.

Funktion x+x \to +\infty xx \to -\infty
f(x)=2xf(x) = 2^x ++\infty (divergiert) 00 (konvergiert)
f(x)=(12)xf(x) = \left(\tfrac{1}{2}\right)^x 00 (konvergiert) ++\infty (divergiert)
f(x)=lnxf(x) = \ln x ++\infty (divergiert) nicht definiert
f(x)=sinxf(x) = \sin x existiert nicht existiert nicht

Grenzwert einer Funktion an einer Stelle

Neben dem Verhalten im Unendlichen kann man auch fragen, gegen welchen Wert sich f(x)f(x) annähert, wenn xx gegen eine feste Stelle x0x_0 strebt:

limxx0f(x)=L\lim_{x \to x_0} f(x) = L

Das ist insbesondere wichtig, wenn ff an der Stelle x0x_0 nicht definiert ist (z.B. bei Polstellen oder Definitionslücken).

Beispiel: Für f(x)=x21x1f(x) = \dfrac{x^2 - 1}{x - 1} ist x0=1x_0 = 1 nicht im Definitionsbereich. Aber: limx1x21x1=limx1(x1)(x+1)x1=limx1(x+1)=2\lim_{x \to 1} \frac{x^2-1}{x-1} = \lim_{x \to 1} \frac{(x-1)(x+1)}{x-1} = \lim_{x \to 1} (x+1) = 2


I.3 Symmetrie

Achsensymmetrie zur yy-Achse

Ein Funktionsgraph ist achsensymmetrisch zur yy-Achse, wenn für alle xx im Definitionsbereich gilt: f(x)=f(x)f(-x) = f(x)

Solche Funktionen nennt man gerade Funktionen.

Beispiele: f(x)=x2f(x) = x^2, f(x)=x43x2f(x) = x^4 - 3x^2, f(x)=cosxf(x) = \cos x, f(x)=|x|f(x) = |x|

Punktsymmetrie zum Ursprung

Ein Funktionsgraph ist punktsymmetrisch zum Ursprung, wenn für alle xx gilt: f(x)=f(x)f(-x) = -f(x)

Solche Funktionen nennt man ungerade Funktionen.

Beispiele: f(x)=x3f(x) = x^3, f(x)=x32xf(x) = x^3 - 2x, f(x)=sinxf(x) = \sin x

Rechnerische Überprüfung

Vorgehen: f(x)f(-x) berechnen und mit f(x)f(x) bzw. f(x)-f(x) vergleichen.

Beispiel 1: f(x)=3x42x2+1f(x) = 3x^4 - 2x^2 + 1

f(x)=3(x)42(x)2+1=3x42x2+1=f(x) (gerade)f(-x) = 3(-x)^4 - 2(-x)^2 + 1 = 3x^4 - 2x^2 + 1 = f(x) \quad \checkmark \text{ (gerade)}

Beispiel 2: f(x)=x54x3+xf(x) = x^5 - 4x^3 + x

f(x)=(x)54(x)3+(x)=x5+4x3x=(x54x3+x)=f(x) (ungerade)f(-x) = (-x)^5 - 4(-x)^3 + (-x) = -x^5 + 4x^3 - x = -(x^5 - 4x^3 + x) = -f(x) \quad \checkmark \text{ (ungerade)}

Beispiel 3: f(x)=x2+xf(x) = x^2 + x

f(x)=x2xf(x) und f(x)f(x) keine Symmetrief(-x) = x^2 - x \neq f(x) \text{ und } f(-x) \neq -f(x) \quad \Rightarrow \text{ keine Symmetrie}

Kurzregel für Polynome: Ein Polynom ist genau dann gerade, wenn alle Exponenten gerade sind; genau dann ungerade, wenn alle Exponenten ungerade sind.

Achsensymmetrie (links) und Punktsymmetrie (rechts)

I.4 Transformationen von Funktionsgraphen

Ausgehend von einer Grundfunktion f(x)f(x) lassen sich Graphen durch Transformationen verschieben, strecken oder spiegeln. Die allgemeine Form ist:

g(x)=af(b(xc))+dg(x) = a \cdot f(b \cdot (x - c)) + d

Verschiebung

Vertikale Verschiebung um dd: g(x)=f(x)+dg(x) = f(x) + d - d>0d > 0: Verschiebung nach oben - d<0d < 0: Verschiebung nach unten

Horizontale Verschiebung um cc: g(x)=f(xc)g(x) = f(x - c) - c>0c > 0: Verschiebung nach rechts - c<0c < 0: Verschiebung nach links

Merkhilfe: Das Vorzeichen bei der horizontalen Verschiebung wirkt „umgekehrt”: f(x2)f(x - 2) verschiebt nach rechts.

Streckung und Stauchung

Vertikale Streckung mit Faktor aa (Streckung in yy-Richtung): g(x)=af(x)g(x) = a \cdot f(x) - |a|>1|a| > 1: Streckung (Graph wird steiler) - 0<|a|<10 < |a| < 1: Stauchung (Graph wird flacher)

Horizontale Streckung mit Faktor 1b\frac{1}{b} (Streckung in xx-Richtung): g(x)=f(bx)g(x) = f(b \cdot x) - |b|>1|b| > 1: Stauchung in xx-Richtung (Graph wird schmaler) - 0<|b|<10 < |b| < 1: Streckung in xx-Richtung (Graph wird breiter)

Spiegelung

Transformation Formel Wirkung
Spiegelung an xx-Achse g(x)=f(x)g(x) = -f(x) yy-Werte werden negiert
Spiegelung an yy-Achse g(x)=f(x)g(x) = f(-x) xx-Werte werden negiert

Reihenfolge von Transformationen

Bei der allgemeinen Form g(x)=af(b(xc))+dg(x) = a \cdot f(b \cdot (x - c)) + d gilt folgende Reihenfolge:

  1. Horizontale Streckung/Stauchung (Faktor bb)
  2. Horizontale Verschiebung um cc
  3. Vertikale Streckung/Stauchung (Faktor aa), ggf. Spiegelung an xx-Achse
  4. Vertikale Verschiebung um dd

Beispiel: g(x)=2sin(3(x1))+4g(x) = 2\sin(3(x - 1)) + 4 entsteht aus f(x)=sinxf(x) = \sin x durch:

  1. Horizontale Stauchung (Faktor 3): sin(3x)\sin(3x)
  2. Verschiebung um 1 nach rechts: sin(3(x1))\sin(3(x-1))
  3. Vertikale Streckung (Faktor 2): 2sin(3(x1))2\sin(3(x-1))
  4. Verschiebung um 4 nach oben: 2sin(3(x1))+42\sin(3(x-1)) + 4

Transformationen von f(x) = x²

I.5 Stetigkeit

Begriff der Stetigkeit

Eine Funktion ff ist an der Stelle x0x_0 stetig, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:

  1. f(x0)f(x_0) ist definiert
  2. limxx0f(x)\lim_{x \to x_0} f(x) existiert
  3. limxx0f(x)=f(x0)\lim_{x \to x_0} f(x) = f(x_0)

Anschaulich: der Graph lässt sich ohne Absetzen des Stiftes zeichnen — keine Sprünge, keine Lücken, keine senkrechten Asymptoten.

Auf einem Intervall ist ff stetig, wenn sie an jeder Stelle des Intervalls stetig ist.

Alle bekannten Grundfunktionen (Polynome, exe^x, lnx\ln x, sinx\sin x, cosx\cos x) sind auf ihren Definitionsmengen stetig.

Abschnittsweise definierte Funktionen

Eine Funktion kann durch verschiedene Terme auf verschiedenen Teilintervallen definiert sein:

f(x)={x2x<12x1x1f(x) = \begin{cases} x^2 & x < 1 \\ 2x - 1 & x \geq 1 \end{cases}

An der Übergangsstelle x0=1x_0 = 1 muss geprüft werden, ob die Funktion stetig ist.

Vorgehen: - Linksseitiger Grenzwert: limxx0f(x)\lim_{x \to x_0^-} f(x) - Rechtsseitiger Grenzwert: limxx0+f(x)\lim_{x \to x_0^+} f(x) - Funktionswert: f(x0)f(x_0)

Stetig \iff alle drei Werte sind gleich.

Prüfung des Beispiels: limx1x2=1,limx1+(2x1)=1,f(1)=211=1\lim_{x \to 1^-} x^2 = 1, \qquad \lim_{x \to 1^+} (2x-1) = 1, \qquad f(1) = 2 \cdot 1 - 1 = 1

Da alle drei Werte übereinstimmen: ff ist bei x0=1x_0 = 1 stetig.

Unstetigkeitsstellen erkennen und klassifizieren

Typ Merkmal Beispiel
Sprungstelle links- und rechtsseitiger Grenzwert existieren, sind aber verschieden abschnittsweise definierte Funktion
Hebbare Lücke limxx0f(x)\lim_{x \to x_0} f(x) existiert, aber f(x0)f(x_0) ist nicht definiert oder ungleich dem Grenzwert x21x1\frac{x^2-1}{x-1} bei x0=1x_0 = 1
Polstelle |f(x)||f(x)| \to \infty für xx0x \to x_0 1x\frac{1}{x} bei x0=0x_0 = 0

Stetige Funktion (links) und Sprungstelle (rechts)

Rückblick: Wichtige Eigenschaften

Eigenschaft Bedingung Prüfung
Gerade Funktion f(x)=f(x)f(-x) = f(x) x-x einsetzen und vereinfachen
Ungerade Funktion f(x)=f(x)f(-x) = -f(x) x-x einsetzen und vereinfachen
Stetig bei x0x_0 limxx0f(x)=f(x0)\lim_{x \to x_0} f(x) = f(x_0) links-/rechtsseitige Grenzwerte prüfen
Konvergenz für xx \to \infty Grenzwert \in \mathbb{R} führenden Term betrachten