
Kapitel I: Spezielle Eigenschaften von Funktionen
I.1 Bekannte Funktionstypen im Überblick
Ganzrationale Funktionen
Eine ganzrationale Funktion (Polynom) hat die Form
- Grad : bestimmt das Verhalten für und die maximale Anzahl der Nullstellen
- Definitionsmenge:
- Gerader Grad: beide Enden zeigen in dieselbe Richtung
- Ungerader Grad: die Enden zeigen in entgegengesetzte Richtungen
Exponentialfunktionen
- Definitionsmenge: , Wertemenge: für
- Keine Nullstellen; -Achse ist waagrechte Asymptote
- : streng monoton steigend; : streng monoton fallend
Spezialfall: natürliche Exponentialfunktion mit
Logarithmusfunktionen
- Definitionsmenge: , Wertemenge:
- Nullstelle bei ; -Achse ist senkrechte Asymptote
- Umkehrfunktion der Exponentialfunktion:
Spezialfall: natürlicher Logarithmus
Trigonometrische Funktionen
- Definitionsmenge: , Wertemenge:
- Periode:
- : punktsymmetrisch zum Ursprung; : achsensymmetrisch zur -Achse
- Nullstellen von : ,
- Nullstellen von : ,
Vergleich der Typen
| Eigenschaft | Ganzrational | Exponential | Logarithmus | Sinus/Kosinus |
|---|---|---|---|---|
| Definitionsmenge | ||||
| Wertemenge | (ab Grad 1) | |||
| Nullstellen | möglich | keine | (sin) | |
| Asymptote | keine | waagrecht | senkrecht | keine |
| Periodisch | nein | nein | nein | ja |

I.2 Grenzverhalten
Grenzverhalten für und
Das Grenzverhalten beschreibt, was mit passiert, wenn beliebig groß oder beliebig klein (negativ) wird.
Schreibweisen:
- : nähert sich dem Wert von unten
- : wächst unbeschränkt
- : fällt unbeschränkt
Ganzrationale Funktionen werden vom führenden Term bestimmt:
| Grad | ||
|---|---|---|
| gerade | für | für |
| ungerade | für , für | für , für |

Beispiel:
Konvergenz und Divergenz
Eine Funktion konvergiert gegen für , wenn mit .
Eine Funktion divergiert, wenn der Grenzwert ist oder nicht existiert.
| Funktion | ||
|---|---|---|
| (divergiert) | (konvergiert) | |
| (konvergiert) | (divergiert) | |
| (divergiert) | nicht definiert | |
| existiert nicht | existiert nicht |
Grenzwert einer Funktion an einer Stelle
Neben dem Verhalten im Unendlichen kann man auch fragen, gegen welchen Wert sich annähert, wenn gegen eine feste Stelle strebt:
Das ist insbesondere wichtig, wenn an der Stelle nicht definiert ist (z.B. bei Polstellen oder Definitionslücken).
Beispiel: Für ist nicht im Definitionsbereich. Aber:
I.3 Symmetrie
Achsensymmetrie zur -Achse
Ein Funktionsgraph ist achsensymmetrisch zur -Achse, wenn für alle im Definitionsbereich gilt:
Solche Funktionen nennt man gerade Funktionen.
Beispiele: , , ,
Punktsymmetrie zum Ursprung
Ein Funktionsgraph ist punktsymmetrisch zum Ursprung, wenn für alle gilt:
Solche Funktionen nennt man ungerade Funktionen.
Beispiele: , ,
Rechnerische Überprüfung
Vorgehen: berechnen und mit bzw. vergleichen.
Beispiel 1:
Beispiel 2:
Beispiel 3:
Kurzregel für Polynome: Ein Polynom ist genau dann gerade, wenn alle Exponenten gerade sind; genau dann ungerade, wenn alle Exponenten ungerade sind.

I.4 Transformationen von Funktionsgraphen
Ausgehend von einer Grundfunktion lassen sich Graphen durch Transformationen verschieben, strecken oder spiegeln. Die allgemeine Form ist:
Verschiebung
Vertikale Verschiebung um : - : Verschiebung nach oben - : Verschiebung nach unten
Horizontale Verschiebung um : - : Verschiebung nach rechts - : Verschiebung nach links
Merkhilfe: Das Vorzeichen bei der horizontalen Verschiebung wirkt „umgekehrt”: verschiebt nach rechts.
Streckung und Stauchung
Vertikale Streckung mit Faktor (Streckung in -Richtung): - : Streckung (Graph wird steiler) - : Stauchung (Graph wird flacher)
Horizontale Streckung mit Faktor (Streckung in -Richtung): - : Stauchung in -Richtung (Graph wird schmaler) - : Streckung in -Richtung (Graph wird breiter)
Spiegelung
| Transformation | Formel | Wirkung |
|---|---|---|
| Spiegelung an -Achse | -Werte werden negiert | |
| Spiegelung an -Achse | -Werte werden negiert |
Reihenfolge von Transformationen
Bei der allgemeinen Form gilt folgende Reihenfolge:
- Horizontale Streckung/Stauchung (Faktor )
- Horizontale Verschiebung um
- Vertikale Streckung/Stauchung (Faktor ), ggf. Spiegelung an -Achse
- Vertikale Verschiebung um
Beispiel: entsteht aus durch:
- Horizontale Stauchung (Faktor 3):
- Verschiebung um 1 nach rechts:
- Vertikale Streckung (Faktor 2):
- Verschiebung um 4 nach oben:

I.5 Stetigkeit
Begriff der Stetigkeit
Eine Funktion ist an der Stelle stetig, wenn drei Bedingungen erfüllt sind:
- ist definiert
- existiert
Anschaulich: der Graph lässt sich ohne Absetzen des Stiftes zeichnen — keine Sprünge, keine Lücken, keine senkrechten Asymptoten.
Auf einem Intervall ist stetig, wenn sie an jeder Stelle des Intervalls stetig ist.
Alle bekannten Grundfunktionen (Polynome, , , , ) sind auf ihren Definitionsmengen stetig.
Abschnittsweise definierte Funktionen
Eine Funktion kann durch verschiedene Terme auf verschiedenen Teilintervallen definiert sein:
An der Übergangsstelle muss geprüft werden, ob die Funktion stetig ist.
Vorgehen: - Linksseitiger Grenzwert: - Rechtsseitiger Grenzwert: - Funktionswert:
Stetig alle drei Werte sind gleich.
Prüfung des Beispiels:
Da alle drei Werte übereinstimmen: ist bei stetig.
Unstetigkeitsstellen erkennen und klassifizieren
| Typ | Merkmal | Beispiel |
|---|---|---|
| Sprungstelle | links- und rechtsseitiger Grenzwert existieren, sind aber verschieden | abschnittsweise definierte Funktion |
| Hebbare Lücke | existiert, aber ist nicht definiert oder ungleich dem Grenzwert | bei |
| Polstelle | für | bei |

Rückblick: Wichtige Eigenschaften
| Eigenschaft | Bedingung | Prüfung |
|---|---|---|
| Gerade Funktion | einsetzen und vereinfachen | |
| Ungerade Funktion | einsetzen und vereinfachen | |
| Stetig bei | links-/rechtsseitige Grenzwerte prüfen | |
| Konvergenz für | Grenzwert | führenden Term betrachten |