Bedingte Wahrscheinlichkeit erkennen

Klasse 11

Veröffentlichungsdatum

15. März 2026

Grundidee

Manchmal interessiert nicht die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses insgesamt, sondern unter der Bedingung, dass ein anderes Ereignis bereits eingetreten ist.

Woran erkennt man bedingte Wahrscheinlichkeit im Text?

Die entscheidende Frage ist: Wird die Grundgesamtheit eingeschränkt? Steht im Aufgabentext eine der folgenden Formulierungen, handelt es sich um bedingte Wahrscheinlichkeit:

  • „Von den Personen, die … ” → nur diese Teilgruppe zählt
  • „Unter den …-Fans …“, „Unter allen …” → Grundgesamtheit ist bereits gefiltert
  • „Wie wahrscheinlich ist …, wenn bekannt ist, dass …”
  • „Mit welcher Wahrscheinlichkeit … , gegeben dass …”
  • Jemand aus der Gruppe der … wird zufällig ausgewählt …”

Kein Anhaltspunkt für bedingte Wahrscheinlichkeit liegt vor, wenn die Frage sich auf alle Personen/Fälle bezieht — also die Grundgesamtheit ungefiltert bleibt. Ebenso liegt keine Bedingung vor, wenn zwei Zufallsexperimente schlicht nacheinander durchgeführt werden (Münze zweimal werfen, Würfel zweimal rollen): hier sind die Ergebnisse voneinander unabhängig, es gibt keine Einschränkung der Grundgesamtheit.

Zwei Merkmale, je zwei Ausprägungen → Vierfeldertafel

Liegen zwei Merkmale A/AA/\bar{A} und B/BB/\bar{B} vor, trägt man die absoluten Häufigkeiten in eine Vierfeldertafel ein:

BB B\bar{B} Σ\Sigma
AA n(AB)n(A \cap B) n(AB)n(A \cap \bar{B}) n(A)n(A)
A\bar{A} n(AB)n(\bar{A} \cap B) n(AB)n(\bar{A} \cap \bar{B}) n(A)n(\bar{A})
Σ\Sigma n(B)n(B) n(B)n(\bar{B}) nn

Die bedingte Wahrscheinlichkeit liest man direkt ab. PB(A)P_B(A) bezeichnet die Wahrscheinlichkeit von AA unter der Bedingung BB:

PB(A)=n(AB)n(B)=P(AB)P(B)P_B(A) \;=\; \frac{n(A \cap B)}{n(B)} \;=\; \frac{P(A \cap B)}{P(B)}

Abgrenzung: verknüpfte Zufallsexperimente

Bei zwei unabhängig wiederholten Zufallsexperimenten (z.B. zweimal eine Münze werfen) gibt es keine Bedingung — man multipliziert einfach die Einzelwahrscheinlichkeiten. Hier ist PB(A)=P(A)P_B(A) = P(A) von vornherein gegeben; eine Vierfeldertafel ist nicht nötig.

Stochastische Unabhängigkeit

AA und BB heißen stochastisch unabhängig, wenn

PB(A)=P(A)P_B(A) = P(A)

Äquivalent dazu: P(AB)=P(A)P(B)P(A \cap B) = P(A) \cdot P(B). Das Eintreten von BB liefert dann keine Information über AA.


Aufgaben

Aufgabe 1

L

In einer Schulklasse von 30 Schülern mögen 20 Mathematik, 10 nicht. Von den Mathe-Fans haben 15 die letzte Prüfung bestanden, 5 nicht. Von den Nicht-Fans haben 4 bestanden, 6 nicht.

  1. Erstelle die Vierfeldertafel.
  2. Bestimme PMathe-Fan(bestanden)P_{\text{Mathe-Fan}}(\text{bestanden}).
  3. Prüfe stochastische Unabhängigkeit.

Aufgabe 2

L

Eine Umfrage unter 200 Personen ergibt:

Sport kein Sport Σ\Sigma
gesund 95 35 130
krank 30 40 70
Σ\Sigma 125 75 200
  1. Bestimme PSport(gesund)P_{\text{Sport}}(\text{gesund}) und Pkein Sport(gesund)P_{\text{kein Sport}}(\text{gesund}).
  2. Bestimme P(gesund)P(\text{gesund}).
  3. Sind „gesund” und „Sport treiben” stochastisch unabhängig?

Aufgabe 3

L

In einer Fabrik produzieren Maschine M1M_1 und Maschine M2M_2 zusammen 500 Teile pro Tag. M1M_1 produziert 300 Teile, davon 12 defekt. M2M_2 produziert 200 Teile, davon 6 defekt.

  1. Erstelle die Vierfeldertafel für die Merkmale Maschine und Qualität (defekt / einwandfrei).
  2. Bestimme PM1(defekt)P_{M_1}(\text{defekt}) und PM2(defekt)P_{M_2}(\text{defekt}).
  3. Welche Maschine produziert verhältnismäßig mehr Ausschuss?
  4. Sind Maschine und Qualität stochastisch unabhängig? Begründe.

Aufgabe 4

L

Eine Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Schlafstörungen. Von 480 befragten Personen:

  • 270 trinken täglich Kaffee, davon 162 mit Schlafstörungen.
  • 210 trinken keinen Kaffee, davon 42 mit Schlafstörungen.
  1. Erstelle die Vierfeldertafel.
  2. Berechne PKaffee(Schlafstörung)P_{\text{Kaffee}}(\text{Schlafstörung}) und Pkein Kaffee(Schlafstörung)P_{\text{kein Kaffee}}(\text{Schlafstörung}).
  3. Überprüfe stochastische Unabhängigkeit über P(AB)=P(A)P(B)P(A \cap B) = P(A) \cdot P(B).
  4. Was lässt sich inhaltlich schlussfolgern? (Vorsicht: Korrelation \neq Kausalität.)

Aufgabe 5 — Rückwärts aus der Bedingung

L

Gegeben: P(B)=0,4P(B) = 0{,}4, PB(A)=0,75P_B(A) = 0{,}75, P(A)=0,5P(A) = 0{,}5.

  1. Berechne P(AB)P(A \cap B).
  2. Erstelle eine vollständige Vierfeldertafel für n=1000n = 1000 Personen.
  3. Sind AA und BB stochastisch unabhängig?

Aufgabe 6

L

Eine App hat 10000001\,000\,000 Nutzer. 60 % nutzen iOS, der Rest Android. Von den iOS-Nutzern kaufen 13\frac{1}{3} ein In-App-Produkt; von den Android-Nutzern 14\frac{1}{4}.

  1. Erstelle die Vierfeldertafel (absolute Häufigkeiten).
  2. Berechne PiOS(Kauf)P_{\text{iOS}}(\text{Kauf}) und P(Kauf)P(\text{Kauf}).
  3. Sind Betriebssystem und Kaufverhalten stochastisch unabhängig?

Aufgabe 7

L

Für zwei Ereignisse AA und BB gilt lediglich: P(A)=13P(A) = \dfrac{1}{3}, P(B)=14P(B) = \dfrac{1}{4}, P(AB)=112P(A \cap B) = \dfrac{1}{12}. Die Gesamtanzahl nn der Fälle ist unbekannt.

  1. Sind AA und BB stochastisch unabhängig? (Ohne nn zu kennen!)
  2. Berechne PB(A)P_B(A) und PA(B)P_A(B).
  3. Was fällt beim Vergleich von PB(A)P_B(A) mit P(A)P(A) auf?

Lösungen

Lösung 1

bestanden nicht bestanden Σ\Sigma
Mathe-Fan 15 5 20
kein Mathe-Fan 4 6 10
Σ\Sigma 19 11 30
  1. PMathe-Fan(bestanden)=1520=0,75P_{\text{Mathe-Fan}}(\text{bestanden}) = \dfrac{15}{20} = 0{,}75

  2. P(bestanden)=19300,633P(\text{bestanden}) = \dfrac{19}{30} \approx 0{,}633

Da 0,750,6330{,}75 \neq 0{,}633: nicht stochastisch unabhängig — Mathe-Fans bestehen häufiger.


Lösung 2

  1. PSport(gesund)=95125=0,76P_{\text{Sport}}(\text{gesund}) = \dfrac{95}{125} = 0{,}76

Pkein Sport(gesund)=35750,467\quad P_{\text{kein Sport}}(\text{gesund}) = \dfrac{35}{75} \approx 0{,}467

  1. P(gesund)=130200=0,65P(\text{gesund}) = \dfrac{130}{200} = 0{,}65

  2. P(gesund)P(Sport)=0,65125200=0,650,625=0,40625P(\text{gesund}) \cdot P(\text{Sport}) = 0{,}65 \cdot \dfrac{125}{200} = 0{,}65 \cdot 0{,}625 = 0{,}40625

P(gesundSport)=95200=0,4750,40625P(\text{gesund} \cap \text{Sport}) = \dfrac{95}{200} = 0{,}475 \neq 0{,}40625

Nicht unabhängig. Sportliche Personen sind in dieser Stichprobe häufiger gesund.


Lösung 3

defekt einwandfrei Σ\Sigma
M1M_1 12 288 300
M2M_2 6 194 200
Σ\Sigma 18 482 500
  1. PM1(defekt)=12300=0,04P_{M_1}(\text{defekt}) = \dfrac{12}{300} = 0{,}04

PM2(defekt)=6200=0,03\quad P_{M_2}(\text{defekt}) = \dfrac{6}{200} = 0{,}03

  1. M1M_1 hat die höhere Defektquote (4 % vs. 3 %).

  2. P(defekt)=18500=0,036P(\text{defekt}) = \dfrac{18}{500} = 0{,}036

P(defekt)P(M1)=0,0360,6=0,0216P(\text{defekt}) \cdot P(M_1) = 0{,}036 \cdot 0{,}6 = 0{,}0216

P(defektM1)=12500=0,0240,0216P(\text{defekt} \cap M_1) = \dfrac{12}{500} = 0{,}024 \neq 0{,}0216nicht unabhängig.


Lösung 4

Schlafstörung keine Σ\Sigma
Kaffee 162 108 270
kein Kaffee 42 168 210
Σ\Sigma 204 276 480
  1. PKaffee(Schlafst.)=162270=0,6P_{\text{Kaffee}}(\text{Schlafst.}) = \dfrac{162}{270} = 0{,}6

Pkein Kaffee(Schlafst.)=42210=0,2\quad P_{\text{kein Kaffee}}(\text{Schlafst.}) = \dfrac{42}{210} = 0{,}2

  1. P(Schlafst.)=204480=0,425P(\text{Schlafst.}) = \dfrac{204}{480} = 0{,}425

P(Schlafst.)P(Kaffee)=0,4250,56250,239P(\text{Schlafst.}) \cdot P(\text{Kaffee}) = 0{,}425 \cdot 0{,}5625 \approx 0{,}239

P(Schlafst.Kaffee)=162480=0,33750,239P(\text{Schlafst.} \cap \text{Kaffee}) = \dfrac{162}{480} = 0{,}3375 \neq 0{,}239nicht unabhängig.

  1. Kaffeekonsum und Schlafstörungen korrelieren in dieser Stichprobe — das beweist aber noch keine Kausalität.

Lösung 5

  1. P(AB)=PB(A)P(B)=0,750,4=0,3P(A \cap B) = P_B(A) \cdot P(B) = 0{,}75 \cdot 0{,}4 = 0{,}3

  2. Für n=1000n = 1000:

BB B\bar{B} Σ\Sigma
AA 300 200 500
A\bar{A} 100 400 500
Σ\Sigma 400 600 1000
  1. P(A)P(B)=0,50,4=0,20,3=P(AB)P(A) \cdot P(B) = 0{,}5 \cdot 0{,}4 = 0{,}2 \neq 0{,}3 = P(A \cap B)nicht unabhängig.

Lösung 6

n(iOS)=600000n(\text{iOS}) = 600\,000, n(Android)=400000n(\text{Android}) = 400\,000

n(KaufiOS)=13600000=200000n(\text{Kauf} \cap \text{iOS}) = \tfrac{1}{3} \cdot 600\,000 = 200\,000

n(KaufAndroid)=14400000=100000n(\text{Kauf} \cap \text{Android}) = \tfrac{1}{4} \cdot 400\,000 = 100\,000

Kauf kein Kauf Σ\Sigma
iOS 200 000 400 000 600 000
Android 100 000 300 000 400 000
Σ\Sigma 300 000 700 000 1 000 000
  1. PiOS(Kauf)=200000600000=13P_{\text{iOS}}(\text{Kauf}) = \dfrac{200\,000}{600\,000} = \dfrac{1}{3}

P(Kauf)=3000001000000=0,3\quad P(\text{Kauf}) = \dfrac{300\,000}{1\,000\,000} = 0{,}3

  1. P(Kauf)P(iOS)=0,30,6=0,18P(\text{Kauf}) \cdot P(\text{iOS}) = 0{,}3 \cdot 0{,}6 = 0{,}18

P(KaufiOS)=0,20,18P(\text{Kauf} \cap \text{iOS}) = 0{,}2 \neq 0{,}18nicht unabhängig.

iOS-Nutzer kaufen häufiger, auch wenn der Unterschied klein wirkt.


Lösung 7

  1. P(A)P(B)=1314=112=P(AB)P(A) \cdot P(B) = \dfrac{1}{3} \cdot \dfrac{1}{4} = \dfrac{1}{12} = P(A \cap B)

Stochastisch unabhängig — ohne nn zu kennen.

  1. PB(A)=P(AB)P(B)=1/121/4=13P_B(A) = \dfrac{P(A \cap B)}{P(B)} = \dfrac{1/12}{1/4} = \dfrac{1}{3}

PA(B)=P(AB)P(A)=1/121/3=14\quad P_A(B) = \dfrac{P(A \cap B)}{P(A)} = \dfrac{1/12}{1/3} = \dfrac{1}{4}

  1. PB(A)=13=P(A)P_B(A) = \dfrac{1}{3} = P(A) — das Eintreten von BB ändert die Wahrscheinlichkeit von AA nicht. Das ist genau die Definition stochastischer Unabhängigkeit.