Das Schaf
Dort oben auf dem Berg lebte ein Einsiedler.
Er hatte die Menschen beobachtet. Aus der Höhe hatte er die Gewalt und das Leid gesehen und er fand keine Gerechtigkeit und keinen Frieden bei den Menschen. Lange hatte er nur auf sie hinabgeschaut, wie die Propheten und Künstler, die noch nichts zu sagen haben, auf die Welt schauen. Jahrelang, vielleicht über Jahrhunderte hinweg schüttelte er und zerbrach sich darüber den Kopf, bis ihm schwindlig war. Eines Tages aber, da stieg er hinab in das Tal, in dem die Hirten und die Schlachter und die Metzger lebten, und unter ihnen die Wissenschaftler und die Bürofachkräfte und die Ärzte und die Mitarbeiter des Ordnungsamts.
So ging er hin und verkündete:
Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Es vergeht die Zeit der Fische, es kommt die Zeit des Wassermannes.
Ich aber sage euch: Es bleibt die Zeit des Blockwarts. Es bleibt die Zeit des Bademeisters.
Und so predigte der Mann dahin wider die Menschen, sprach von der Zwietracht und von der Korruption und von Polizeigewalt und von der CIA und es kamen der Leute viele, die ihn erhörten und die ihr Leben nicht änderten. Und es kamen andere, die von der Revolution geträumt hatten in der Nacht und sie morgens schon vergessen hatten; sie verachteten seine Predigt; längst hatten sie sich vollgefressen und konnten die Aufrechten nicht ertragen.
Jahre gingen dahin, und der Einsiedler wurde zum König gemacht — oder sie riefen eine Republik aus — denn er hatte versprochen, die Welt zu verändern.
Im Glauben daran ließen die Menschen ihn herrschen, denn sie sehnten sich nach Veränderung. Doch nachdem der Jahre weitere dahingegangen waren, man andere Namen für das Herrschen, für die Steuern und die Schulden und einen anderen Namen für das Ordnungsamt gefunden hatte, da waren die Leute des Königs — oder des Parlaments — überdrüssig.
Vielleicht schlugen sie ihm den Kopf ab, doch zwei neue wuchsen vielleicht daraus.
Ein anderer trat hervor, auch er war von einem Berg herabgestiegen; er hatte auf die Menschen geschaut, wie ein Säugling die Menschen beschaut, der noch nichts sagen kann.
Nun aber konnte er etwas sagen. Er warf seine Laterne vor sich auf den Boden und sie zersprang nicht, denn sie war aus Plastik.
Aus ihr leuchtete blendend ein Licht so stark und hell, dass alle Menschen ihre Augen abwenden mussten.
So sprach er gegen den ersten Propheten: Falsch sah euer König, was ist und falsch sah er, was kommen wird.
Lange war die Zeit der Steinchenzähler, der Türmchenbauer, der Bausparberater. Ich aber bin Pan, Brahman, und ich bin gekommen, um alle Menschen zu Hirten zu machen, wie ich einer bin.
Die Menschen verstanden nicht. Es rief ein Richter:
Du, Pan, Ziege, der du Niemand bist, der du nicht eher ein Schaf bist als die ganze Herde, du blendest uns und willst uns sehen machen, aber wir werden den Gott nicht von den Menschen zu unterscheiden wissen und nicht den Hirten von den Schafen.
Wenn das Licht erlischt, so wird es keine Blender und Götter mehr geben und ihr werdet einander von Angesicht zu Angesicht schauen, erwiderte Pan, der Puzzler, der Erste der Neuen Zeit, die das Ordnungsamt nicht braucht, den man den Hirten nennt, der aber eine Herde von Hirten verkündet, und er predigte:
Lange war nun die Zeit des Sammelns und des Sortierens und des Nebeneinanderlegens und des Archivierens, die Zeit des Trennens und des Zerlegens.
Lange zerstückelten wir.
Nun aber beginnt die Zeit des Zusammenfügens.